Erfahrungen, Gedanken und Hinweise aus dem Alltag mit Depressionen – von Menschen, die ihren eigenen Weg im Umgang damit gefunden haben
… vieles entsteht im Moment.
Wie das Leben selbst verläuft auch unsere Stimmung nicht geradlinig – sie bewegt sich, steigt und fällt, manchmal kaum spürbar, manchmal deutlich.
Lesen, schmunzeln, lachen und lernen Sie – so erleben Sie das vielfältige und emotionale Mit-einander einer Selbsthilfegruppe mit.
Vielleicht entdecken Sie dabei auch, dass wir diesen Bewegungen nicht völlig ausgeliefert sind, sondern an vielen Stellen selbst Einfluss nehmen können - und vielleicht nehmen Sie dabei auch etwas für sich mit.
„Lass mich…“ ist Teil eines schönen Gedichts, das ein Gruppenmitglied fand und ich Ihnen hier zugänglich machen möchte. Seine Aussagen sind treffend und tragen die zentrale Botschaft: „lass mich …“ - die sehr klar beschreibt, dass wir lernen müssen, uns selbst zuzulassen.
Wie oft stehen wir uns als innerer Richter gegenüber – verurteilen uns, machen uns klein und überhäufen uns mit Selbstvorwürfen. Doch wie selten sind wir unser eigener Anwalt, der uns stärkt, ermutigt und auch einmal anerkennt?
Erst wenn es gelingt, ein gesundes Gleichgewicht zwischen innerem Anwalt und innerem Richter zu finden, wird das „lass mich …“ in unserem Leben möglich.
Ein erfülltes Leben – auch mit Depression – entsteht nicht allein durch Hilfe von außen
Hinterfragen Sie belastende Gedanken wie:
- ich bin nichts wert
- ich bin nur Ballast für andere
- in meinem Leben gibt es keine Freude mehr
- …
... und versuchen Sie, sich davon zu lösen.
Holen Sie sich Schritt für Schritt etwas von dem zurück, was die Depression überlagert hat, denn viel von Ihrem früheren Ich ist nicht verloren – es ist nur verschüttet. Geben Sie sich die Chance, es wiederzufinden.
ER liegt IMMER zuerst an jedem/r selbst.
Auch wenn Unterstützung dabei helfen kann – ohne Ihr eigenes Mitwirken wird Veränderung nicht möglich sein.
„In meiner Enttäuschung
lass mich mich selbst trösten
In meiner Angst
lass mich mir selbst Mut machen
In meinem Zorn
lass mich mich selbst beruhigen
In meinem Stress
lass mich auf mich selbst hören
In meiner Verwirrung
lass mich mich selbst ordnen
In meiner Unsicherheit
lass mich Klarheit finden
In meinem Herzschmerz
lass mich Heilung und Abschluss finden
In meinen Selbstzweifeln
lass mich Zuversicht finden
In meiner Einsamkeit
lass mich bei mir selbst zu Hause sein
In meinem Stress
lass mich mich selbst besänftigen
In meinem Kampf
lass mich still sein
In meiner Müdigkeit
lass mich ruhen
In meinem Schmerz
lass mich heilen und mich erholen
In meiner Traurigkeit
lass mich meine Emotionen rauslassen
In meinem Misserfolg
lass mich mich erholen
In meinem Bedauern
lass mich alle Lasten der Vergangenheit loslassen
Damit ich wieder auftauchen kann -
stark, fähig und bereit, das Leben erneut in Angriff zu nehmen.“
Diese Postkarte bringt es auf den Punkt:
Was hier geschieht, ist nicht nur für Gruppen wichtig, sondern für jeden Menschen.
In einem offenen und vertraulichen Rahmen begleiten sich die Mitglieder einfühlsam.
Dabei entstehen oft Verbindungen, die über die Gruppe hinausgehen. Erfahrungen werden geteilt, Belastungen ausgesprochen und gemeinsam getragen - So werden aus Einzelnen Weggefährten – auf dem Weg zurück in ein anderes, neues, aber wieder lebenswertes und selbstbestimmtes Leben.
„Einfach nur schön und berührend“ - so empfand ich diese Karte eines ehemaligen Gruppenmitglieds, das auch nach seinem Ausscheiden in engem Kontakt zur Gruppe geblieben ist und immer wieder gerne an offenen Treffen teilnahm.
Gerade für diejenigen, die am Anfang ihres Weges stehen, ist das ein lebendiges Zeichen: Ein Neustart in ein wieder glückliches und selbstbestimmtes Leben kann gelingen.
„Ganz normale Wartungsarbeiten“ - Ein damals 53-jähriges Gruppenmitglied berichtete auf Nachfrage von einer gut verlaufenen arthroskopischen Knie-OP, von guten Heilungsfortschritten und weitgehender Schmerzfreiheit.
Während es überlegte, wie man die durchgeführte Operationsform noch bezeichnen könnte, wurde es von einem anderen Gruppenmitglied schmunzelnd unterbrochen: „… also ganz normale Wartungsarbeiten.“
Eine alleinstehende Frau erzählte, dass sie zu Silvester eigentlich allein feiern wollte und so den Jahreswechsel eher ruhiger, gemütlich und nur mit sich selber geplant hatte.
Ganz überraschend kam ihr Sohn aus dem Obergeschoss herunter und lud sie ein, mit nach oben zu kommen, um gemeinsam mit den jungen Leuten zu feiern – damit sie nicht allein bleiben musste.
Etwas zögerlich folgte sie der Einladung, wobei sie - wie sie uns erzählte – dachte: „In meinem Alter passe ich doch nicht mehr so recht zu den jungen Leuten.“
Darauf entgegnete ein Gruppenmitglied schlagfertig: „Aber als Teenager Spätlese gehst du noch gut durch.“
Sie schilderte ihr schlechtes Gewissen, den Vormittag oft zu „verschlafen“, obwohl sie sich vorgenommen hatte, früher aufzustehen.
Immer wieder stellte sie sich mehrere Wecker im Abstand von etwa einer halben Stunde. Doch statt aufzustehen, folgte ein ständiger Wechsel: geweckt werden, liegen bleiben, wieder einschlafen.
Dieses Hin und Her spiegelte auch ihr inneres Erleben wider: die Angst, zu spät zu kommen – und gleichzeitig die fehlende Kraft, aufzustehen.
Dabei geriet auch ihr Körper aus dem Rhythmus: Jeder Weckimpuls setzt ihn in Gang – wurde aber immer wieder abgebrochen, wodurch zusätzliche immer mehr innere Unruhe entstand.
Solche Muster entwickeln sich über längere Zeit und brauchen einen ebenso behutsamen Ausstieg.
Kleine, schrittweise Veränderungen sind oft hilfreicher als ein abrupter Neuanfang.
Wer bewusst im eigenen Tempo vorgeht, hat die besten Chancen auf langfristige Veränderung.
Zu schnelle Schritte führen dagegen oft zu neuer Überforderung.
Manche Momente sind berührend, andere nachdenklich – und wieder andere einfach ein wenig humorvoll.
Gerade diese Mischung macht sie so anschaulich, weil sie nicht nur erklären, sondern auch miterleben lassen.
Vielleicht finden Sie darin den einen oder anderen Gedanken wieder, der auch für Ihren eigenen Weg hilfreich sein kann.
Denn oft sind es kleine Impulse, die etwas in Bewegung bringen.
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